Prägende und traumatische Erfahrungen unserer Hunde aus dem Alltagsbereich
von Gabi Maue, TTEAM-Practitionerin II für Hunde und Kleintiere
was ist Trauma - auslösend oder prägt sich als negatives Erlebnis so stark ein, dass ein Tier u.U. ein Leben lang darunter zu leiden hat? Uns unwichtig scheinende, vielleicht alltägliche Ereignisse werden vom Tier anders erlebt und verarbeitet - oder eben nicht verarbeitet.
TTEAM® - Practitioner haben sehr oft mit Tieren zu tun, denen solche Erlebnisse ein Leben voll Stress bescherten.
Angst äußert sich durch eines der folgenden Verhaltensweisen: Flucht, Kampf, Erstarren bis zur Ohnmacht oder Herumkaspern.
Eine negative Prägung ist u.a. altersabhängig. Bei Welpen in der Prägephase und sehr jungen Hunden können sich erschreckende Erlebnisse wesentlich stärker einprägen als bei einem erwachsenen Hund.
- Rüpeleien in der Welpenstunde: falls sich der junge Hund sich in einem Schockzustand befindet, wird die Mundschleimhaut sehr blass
- ein Eimer, der scheppernd neben einem Welpen zu Boden fällt;
- die Klapperbüchse als Erziehungsmittel;
- ein Bahnhofsbesuch, der den jungen Hund überfordert;
- ein Gewitter mit plötzlich einsetzendem Donnerschlag;
eine vielleicht gutgemeinte Feuerwerk - Übung in der
Hundeschule (das gibt es leider auch);
- eine Begegnung mit einem Fesselballon;
- Beißvorfall durch einen erwachsenen Hund;
- Schütteln im Genick als disziplinarische Maßnahme;
- der Welpe fällt dem Besitzer vom Arm;
- es fällt etwas auf den Hund;
.... und...und...und... die Aufzählung ließe sich noch
lange fortsetzen.
Raiki hat Angst vor größeren Hunden
Raiki ist ein Urlaubsfindelkind aus Kroatien, ein kleiner Terrier-Mischling. Als seine Familie ihn mit ca 8 Wochen aufnahm, war er am ganzen Körper mit Bisswunden bedeckt und halbverhungert. Ein Teil des linken Ohres fehlte, wahrscheinlich war es abgebissen worden. Er hatte mit anderen Hunden bestimmt sehr schlechte Erfahrungen gemacht.
Mittlerweile ist er 12 Wochen alt und hat sich in Deutschland gut eingelebt. Er besucht die Welpenspielstunde und kann mit den gleichaltrigen Hunden wunderbar spielen.
In der letzten Stunde schlüpft einer der älteren, größeren Welpen vom Nachbarplatz zu den Kleinen und stürzte sich zwar ohne böse Absichten, aber ziemlich ungestüm auf Raiki.
Er fing an erbärmlich zu schreien, wollte wohl flüchten, kam aber seltsamerweise nicht von der Stelle. Seine Pupillen waren riesig und ein Blick auf das fast weiße Zahnfleisch ließ ahnen, das Raiki sich in einem schockähnlichen Zustand befand.
Was half:
Wir haben direkt mit intensiver Ohrenarbeit begonnen, mit ZickZack am Körper, Bauchheber und Touches auf dem Zahnfleisch.
Raiki hörte unter der Ohrenarbeit sofort auf mit dem Schreien und konnte nach ca 2 Minuten wieder in der Gruppe spielen.
Bei Hunden in einem schockähnlichen Zustand ist es wichtig, sofort gezielt an einer Auflösung der traumatisierenden Situation zu arbeiten, einfach nur Streicheln und dem Hund beruhigend zureden, hätte evtl. genau die gegenteilige Wirkung (s.a. Fallgeschichte Fanny )
Geräuschangst ist bei vielen Hunden ein großes Thema und Hunde hören um ein Vielfaches besser als Menschen. Untersuchungen am Vegetativen Nervensystem haben beim Menschen ergeben, dass das Sympatische Nervensystem ab einem Geräuschpegel von 65 Dezibel anspricht, egal ob das Geräusch mit positiven oder negativen Empfindungen verbunden ist.
Geräuschphobien können bei Hunden recht schnell entstehen und es muß nicht immer ein so erschreckendes Erlebnis sein wie bei Ronja:
Ronja traut sich nur noch in den Garten
Ronja war eine verspielte und lustige 1,5-jährige Dobermann-Hündin ohne Probleme. Ihre Besitzer konnten sie überall hin mitnehmen, so auch zu einem Tag der Offenen Tür bei der Bundeswehr. Unglücklicherweise wurde in direkter Nähe der Hündin ein Demonstrationsschuß von einem Panzer abgegeben. Sie reagierte völlig verstört, zitterte noch Stunden später am ganzen Körper und war nicht mehr ansprechbar.
Wochenlang traute sich Ronja nicht mehr aus dem Haus, später wagte sie sich zumindest wieder in den Garten.
Ronja hat diesen Garten nie wieder verlassen. Jeder Versuch der Besitzer, sie auf die Straße mitzunehmen, ließ sie in den gleichen Zustand wie an besagtem Tag verfallen.
Sie war übernervös, bellte stundenlang im Haus, konnte nicht mehr alleine bleiben und wurde aggressiv gegen Menschen.
Leider hatte ich keine Möglichkeit mehr , mit Ronja zu arbeiten - sie wurde tot im Garten aufgefunden - vermutete Todesursache: Herzversagen.
Natürlich spielt auch die individuelle Sensibilität und Selbstsicherheit eine große Rolle, wie stark sich ein Erlebnis einprägt - auch beim erwachsenen Hund - und wie hilflos der Hund einem solchen Ereignis ausgesetzt ist.
Inka kann keinen Kontakt ertragen
Inka kam aus dem Tierheim, sie war dem Vorbesitzer vom Tierschutz weggenommen worden, weil er die Hündin misshandelt hatte.
Ihr neuer Besitzer war ein sehr lieber Mann, der ganz verzweifelt war, weil Inka ihm gegenüber völlig scheu war und auf seine gutgemeinten Annäherungen mit Meiden und wenn sie nicht mehr ausweichen konnte, mit einem richtigen Zusammenbruch reagierte.
Inkas Besitzer bemühte sich zuerst um eine Änderung seiner Körpersprache und setzte einige Beruhigungssignale der Hündin gegenüber ein. Das half Inka, mehr Nähe ertragen zu können.
Nach wie vor konnte er sie aber nur im Kopfbereich wirklich berühren.
Die TTouch Arbeit
Während unseres dritten Treffens durfte ich sie anfassen und mit ttouchen beginnen: Jede Annäherung im Bauchbereich - ohne dass ich sie nur berührte - ließ ihre Bauchdecke völlig fest werden, sie erstarrte und hielt den Atem an. Die Pupillen wurden riesig.
Touches zuerst in der Umgebung ihres Bauches, später Lama und Heber in Druckstärke 1 auf ihrer Bauchdecke öffneten uns die Tür zu all den Ängsten, die Inkas Körper abgespeichert hatte.
Heute kann ihr Besitzer sie auch mal herzhaft am ganzen Körper streicheln und drücken, ihre Haltung drückt Freude und mehr Selbstsicherheit aus, wenn sie mit ihm zusammen ist.
Viele Hunde zeigen extreme Ängste in engen Räumlichkeiten und können darum z.B. unmöglich in einer Hundebox untergebracht werden oder sie haben prinzipiell Probleme mit dem Autofahren.
Darunter leiden nicht wenige Hunde, die als Welpen auf dubiose Art nach Deutschland gebracht wurden um hier bei einem "Züchter" mit einer "Leihmutter" zusammen präsentiert und verkauft zu werden.
Extrem erschreckende Erlebnisse, die ein Trauma auslösen, können auch Erziehungsmaßnahmen wie das Teletakt- Gerät sein.
Chivas wird zunehmend aggressiv
Chivas war ca. 2 Jahre alt, ein wunderschöner Tervueren-Rüde, als ich ihn kennen lernte. Weil er auch auf der Hauptverkehrsstraße begonnen hatte, hinter Autos herzuhetzen, wurde er einmal mit Teletakt gearbeitet, in Verbindung mit dem Platzkommando.
Seitdem jagte Chivas keine Autos mehr, geriet aber beim Anblick eines Autos unter Hochspannung, zitterte dabei am ganzen Körper und erstarrte. Auf das Platzkommando reagierte er mit völligem körperlichen Zusammenbruch, auch wenn das Kommando nicht für ihn gemeint war und von einer fremden Person ausgesprochen wurde.
Er reagierte im Agility -Training auf andere Rüden jetzt schnell aggressiv, zeigte sich unkonzentriert und knurrte jeden an, der ihn von oben anfassen wollte.
Chivas hat sehr viel Körperarbeit mit vielen unterschiedlichen Ttouches benötigt, die ihm halfen, das Teletakt-Erlebnis zu vergessen.
Heute startet er erfolgreich auf Agility - Turnieren und hat keine Probleme mehr in der Begegnung mit anderen Rüden oder fremden Menschen, die ihn berühren wollen.
Hunde, die krank oder behindert sind, erleben beunruhigende Situationen oft wesentlich angstbesetzter als wir uns das vorstellen.
Tiber kollabiert
Tiber ist mein eigener Hund, der aufgrund einer erblichen Augenerkrankung mit 3 Jahren erblindet ist. Dank TTEAM kommt er wunderbar mit dieser Behinderung zurecht.
An einem Morgen habe ich nicht aufgepasst und ein Jogger sprang über ihn drüber um nicht zu fallen. Tiber erschrak und wich nach der Seite aus - in einen Maschendrahtzaun hinein. Er hatte sich sicherlich nicht wehgetan, muss aber entsetzlich erschrocken sein. Er kollabierte und brach zusammen.
Intensive Ohrenarbeit und Tigertouch an den völlig erstarrten Extremitäten brachten ihn wieder auf die Beine - bis er einige Meter später wieder einen Jogger ankommen hörte. Diese Geräusche lösten sofort einen neuen Kollaps aus, obwohl dieser Mensch ihm nicht zu nahe kam.
In den folgenden Tagen habe ihn sehr oft gettoucht und die Reaktionen auf diese Art von Geräuschen wurde immer schwächer.
Zuhause reagierte er nicht mehr darauf, aber eines Abends lag er im Flur und träumte wohl. Er wurde sehr unruhig, begann zu jammern, versuchte sich aufzurichten und brach dann mit den gleichen Anzeichen wie nach dem Zwischenfall mit dem Jogger zusammen.
Auch hier half vor allen Dingen intensive Ohrenarbeit.
Leider scheint Tibers Nervensystem diese Kollaps - Reaktion als Antwort auf Angst oder Schmerz abgespeichert zu haben, gerade gestern und heute hat er Ansätze dazu wieder gezeigt unter einem spontanen Schmerzgeschehen, das eigentlich völlig harmlos war - einige Haare zwischen Bauch und innerem Oberschenkel hatten sich verfilzt und ziepten wohl etwas.
Ich bin froh zu wissen, wie ich ihm schnell mit der Ohrenarbeit wieder aus diesem Zustand hinaus helfen kann (und natürlich sind die ziependen Haare entfernt!).
Auch Verletzungen z.B. durch Autounfälle oder Bissverletzungen können vom Nervensystem als traumatische Erinnerung abgespeichert werden. In ähnlichen Situationen reagiert das Nervensystem dann ganz genauso wie in der ursprünglichen Situation.
Amy zieht an der Leine
Amy, eine junge Border-Collie-Hündin, wurde von einem Auto im Dunkeln angefahren und ihre Besitzer kamen zu mir, weil sie sich etwas beunruhigt bei Dunkelheit zeigte und stark in der Leine zog.
Nachdem Amy die Körperarbeit genießen lernte, war die Unsicherheit im Dunkeln vorbei. Wegen des Leinenziehens wollte ich ihr mit einem Step-in - Geschirr helfen, aber Amy erstarrte jedes Mal beim Anlegen und schien sich darin nicht wohl zu fühlen, Wir fanden keine Erklärung, probierten noch eine Reihe anderer Geschirre aus und letztendlich war das Mambo-Geschirr die Lösung für Amy.
Nachdem Amy schon länger mit im Kleingruppen-Training dabei war, kam an einem Abend das Gespräch nochmals auf den Autounfall. Ich hörte zum ersten Mal, dass Amys Lunge verletzt gewesen war und sie über drei Tage mit einer teilweise zusammengefallenen Lunge um ihr Leben gekämpft hatte.
In einem Buch hatte ich vor langer Zeit einmal über die Krankengeschichte eines TBC-Kranken gelesen aus der Zeit vor 1940. Damals wurden als letzte Maßnahme der Therapie noch künstliche Pneus (Eröffnung der Lunge) gesetzt um einen Teil der Lunge stillzulegen und diese damit zu entlasten.
Das Setzen eines solchen Pneus war eine gefürchtete Therapieform, die Erstickungsängste und große Beengungsgefühle auslöste.
Amy musste drei Tage in diesem Zustand verharren und erlebt wohl beim Anlegen eines starren Geschirrs immer wieder ähnlich beklemmende Situationen. Selbst ein T-Shirt löst das Erstarrungsverhalten aus.
Nur das bewegliche Mambo scheint in ihrem Körper die Erinnerung an diese drei Tage nicht abzurufen.
Bei allen Tiere, die in ihren Ängsten gefangen sind oder traumatisiert sind, ist es immer wieder ein besonderes, tief anrührendes Erlebnis, einen Zugang zu ihnen zu finden. Oft ist es ein erster bewusster Blick - Augen, die nicht mehr durch uns hindurchschauen oder an uns vorbeischauen, sondern unseren Blickkontakt beantworten können. Bei vielen Hunden, die Angst vor Menschen haben, kommt nun statt der sonst gezeigten Aggressivität oder dem Scheuverhalten die Umorientierung ins Spielverhalten - man kann albern werden!
Und es hat etwas Rührendes, wenn Janosch, der 8 Jahre alte Windhund-Mix, der mich anfangs am liebsten aufgefressen hätte, nun wie ein Welpe völlig ausgelassen mit mir durch die Halle tobt und auch schon kurze Berührungskontakte zulassen kann.
Er wurde übrigens als Welpe von der Oma mit dem Staubsauger "saubergemacht" - bis er sich traute, die Zähne zur Abwehr einzusetzen.
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