Das Equipment - die TTEAM ® -Werkzeugkiste in der Arbeit mit Hunden
Von Gabi Maue, Practitioner für Hunde und Kleintiere und
Bibi Degn, Instructorin
In der TTEAM - Arbeit haben wir recht engen Kontakt zu den Tieren. Wir berühren sie und wir lassen sie ungewohnte Bewegungen ausführen um sie aus gewohnten Verhaltensmustern herauszuführen. Wir bieten ihnen einen Rahmen und möchten sie ermutigen, sich mit uns sicher zu fühlen.
Wir gebrauchen unsere Hände am Hundekörper oder eine Leine, um mit den Tieren in einen Dialog treten zu können – aber oft reichen die Hände und eine Leine nicht aus und die Arme sind zu kurz.
Hilfe aus der Werkzeugkiste
So kommen in unserer Arbeit eine ganze Reihe von „Fühl- und Führhilfen“ zum Einsatz: die Gerte zum Abstreichen, Leinen und Seile in diversen Knüpfvarianten, Körperbandagen und auch zwei Menschen, die einen Hund führen. Sie unterstützen uns, lassen unsere Arme „länger“ werden, um den Tieren an ungewohnten Stellen ihres Körpers Signale zu geben oder ihrem Nervensystem durch eine länger anhaltende Berührung als dem TTouch mehr Informationen zu geben.
Abb. Pit
Pit trägt zu Demozwecken einen großen Teil unseres Equipments
Gestörte Körperwahrnehmung und ihre Auswirkungen
Border Collie Sam kann kaum stillstehen, er dreht sich um sich selbst oder um seine Besitzerin und hat unentwegt die Leine im Maul. Seine Besitzerin ist ziemlich verzweifelt, sie hat schon einige Leinen und Geschirre gekauft, weil er sie in Sekundenschnelle zerbeißt. Im Moment wird er am Halsband geführt. Steht Sam einmal still, beginnt er zu bellen. Er ist freundlich, aber eine Berührung von mir scheint er kaum auszuhalten, vor allen Dingen nicht am Hinterteil - er wird noch hektischer und zappeliger.
Sam kommt zu mir, weil er in Hundebegegnungen völlig außer sich gerät, den Tierarzt bedroht, vor sehr vielen Dingen Angst hat und geräuschempfindlich ist. Er beknabbert oft stundenlang seine Pfoten.
Ich bitte seine Besitzerin, ihn durch das Labyrinth und über einige leichte Hindernisse zu führen. So habe ich die Möglichkeit, ihn zu beobachten. Er liegt mit seinem Körperschwerpunkt weit vor den Vorderfüssen in der Leine, seine Körperspannung ist sehr hoch. In den Wendungen wirkt er steif. Es fällt ihm schwer, geradeaus durch die am Boden liegende Leiter zu laufen, ständig ist er mit einem Teil seiner Pfoten neben der Leiter. Vor allen Dingen seine Hinterhand macht den Anschein, als gehöre sie nicht zu ihm. Signale an der Leine nimmt er kaum wahr, weil er ununterbrochen Ausschau hält nach irgendwelchen Gegenständen auf dem Boden, die er alle aufnimmt und zerkaut. Er hechelt stark. Immer wieder wirft er sich auf den Boden und schnappt sich die Leine.
Die Fühlhilfen kommen zum Einsatz
Ich möchte Sam gerne berühren und ttouchen, aber sein Nervensystem scheint nicht genügend vorbereitet dafür. Darum denke ich an den Einsatz einer Körperbandage, einer elastischen Binde, die dem Hund um den Körper gelegt wird. Sie hilft ihm, seinen Körper besser wahrzunehmen, gleichzeitig begrenzt sie und rahmt ein. Ich übe mit Sams Besitzerin das Anlegen einer halben Bandage zuerst an einem Stoffhund, denn Sam wird ihr wenig Zeit lassen zum Anlegen. Er ist wirklich unwahrscheinlich schnell mit seinen Zähnen.
Das Anlegen der halben Bandage, die bis zur Lendenwirbelsäule reicht, bringt eine enorme Änderung: Sam atmet tief aus und kann stehen bleiben, ohne sofort mit den Zähnen aktiv zu werden oder zu bellen. Nun kann ich ihn berühren und im weiteren Verlauf der Stunde ttouchen. Über Maul- und Ohrenarbeit bereite ich das Anlegen einer Kopfbandage vor, um Sam mehr Bewusstheit über seine Aktivitäten mit seinem Maul zu verschaffen.
Abb. Sam in Kopfbandage, Horant mit Beruhigungsband
Die Kopfbandage besteht aus einem elastischen, weichen Hosengummi, das in Form einer Acht um den Kopf und das Maul gelegt wird. Die Hundeschule GREH in Berlin hat eine professionelle Ausführung, das Beruhigungsband, entwickelt.
Sensorische Information
Die Bandage sollte nicht zu fest und nicht zu lose anliegen. Sie hat die Aufgabe, über den Gleichgewichtssinn und die Propriozeptoren bestimmte sensorische Signale an den Organismus zu geben, die nicht bedrohlich sind, sondern für innere Ruhe, erhöhte Konzentration und bessere Körperwahrnehmung sorgen.
Eine ganze Bandage, die zusätzlich um die Hinterbeine gelegt wird, schafft genau in diesem Bereich erhöhte Bewusstheit und fördert die Koordination zwischen der Vor- und Hinterhand. Allerdings kann diese Information für manche Hunde anfänglich zuviel an Input sein, darum beginne ich gerne mit einer halben Bandage.
Bandagen setzen wir ein bei Unsicherheit, Unruhe und Nervosität, bei Geräuschempfindlichkeit, bei Problemen mit dem Autofahren, bei chronischen Gelenkerkrankungen oder nach Verletzungen und Operationen, aber auch im Sport zur Erhöhung der Konzentration und Verbesserung der Körperwahrnehmung.
Eine ganz neue Erfahrung habe ich bei meinem 12-jährigen demenzkranken Hund gemacht. Die Bandage hilft ihm, aus dem ruhelosen „im Kreis laufen“ wieder in die Ruhe zu kommen und sich ablegen zu können.
Abb. Tiber Spondylose halbe Bandage
Abb. Alter SH mit HD mit ganzer Bandage
Abb. Detail ganze Bandage um Hinterhand o.andere
Die Tragedauer ist individuell unterschiedlich und richtet sich danach, wie der Hund die Bandage toleriert. Grundsätzlich sollten die Hunde dabei nicht unbeaufsichtigt sein. Wenn die Bandage, wie bei Sam, eine sofortige Änderung bewirkt, nehme ich sie gerne nach kurzer Tragezeit wieder ab.
Statt einer Bandage lässt sich auch mit einem T-Shirt arbeiten und das Tragen eines Hundemantels kann schon eine Veränderung bewirken.
Einsatz der Gerte
Manche Hunde bringt zuviel Nähe durch fremde Personen völlig aus dem Gleichgewicht. Hier lässt sich die Gerte als verlängerter Arm einsetzen. Wir können den Hund berühren, ohne ihn aus seiner Balance zu bringen und wahren die für ihn notwendige Distanz.
Abb. Fanny und Linda
Das Abstreichen mit der Gerte hilft neben dem Kontaktaufbau, die Atmung zu normalisieren und die Muskulatur zu entspannen. Ein Abstreichen bis zu den Pfoten hinunter lässt den Hund besser „mit den Füßen auf dem Boden“ bleiben. Außerdem lässt sich die Gerte richtungsweisend einsetzen.
Abb. In Brieftaube mit Gerte im Lab oder über Hindernis
Sam kann anfänglich allerdings nicht mit der Gerte abgestrichen werden, die Versuchung, danach zu schnappen, ist zu groß.
Wenn Hunde beim TTouchen Bedenken haben mit dem direkten Kontakt einer fremden Hand, setzen wir einen Handschuh oder ein Pad aus Schaffell ein, wir können eine Decke oder ein Handtuch über ihn legen und die TTouches darauf ausführen – all das macht es für den Hund neutraler und leichter.
Die Führhilfen
Nachdem Sam ruhiger scheint, wagen wir einen erneuten Gang durch das Labyrinth.
Er stürzte sich beim ersten Gang durch den Lernparcours auf jedes Signal am Halsband sofort in die Leine und konnte sich selbstständig aus dieser Haltung nicht wieder heraus lösen.
Das Bewegungsmuster „Leinenziehen“ wird in Sams Körper durch ein Signal am Halsband abgerufen. Also suchen wir nach neuen, unbesetzten Punkten seines Körpers, an denen wir feine und klare Signale für die Leinenführung einführen können.
Leinenziehen baut im Körper hohe Spannungen auf. Der Verlust der körperlichen Balance führt neben der körperlicher Unsicherheit auch zu einer negativen emotionalen Lage. Ein häufiger Ausdruck dieses Befindens ist Aggressionsverhalten an der Leine.
Die Balanceleine
Die Balanceleine (s.a. NL 2.06, S. 9) ist eine sehr einfache Möglichkeit, eine Änderung herbeizurufen. Wir klinken die Leine an Sams Halsband ein, greifen sie mit der einen Hand und führen sie um seine Brust auf die andere Seite. Die freie Hand übernimmt das offene Leinenende.
Abb. Hund wird in Balanceleine geführt
Der Karabinerhaken am Halsband wird zur Signalgebung „Vorwärtsgehen“ benutzt, das Stoppen erfolgt wie die seitwärts führenden Signale über den Leinenanteil, der um die Brust liegt. Der Hund wird im Ansatz der Vorwärtsbewegung verlangsamt und gestoppt, bevor er aus seiner körperlichen Balance geraten ist. In dieser Phase hat er die Möglichkeit, sich wieder selbst auszubalancieren. Durch das weiche Annehmen der Leine, dem Verstärken des Signals und dem vollständigen Nachgeben, wenn der Hund sich wieder ausbalanciert hat, wird Dauerzug und der Aufbau hoher Körperspannung vermieden.
Bei kleinen oder sehr aktiven Hunden führen wir die Leine entweder unter einem der Vorderbeine oder bei zusätzlicher Verwendung eines Geschirrs unter dem vorderen Anteil des Bruststeges durch und verhindern so, dass der Hund durch die Leine schlüpft. Wenn wir das durchgezogene Leinenende in einen der seitlichen Ringe des Step-in-Geschirrs einklinken, haben wir eine weitere Variante der Balanceleine.
Abb. Evtl. Foto aus Lindas Welpenbuch
Der Einsatz der Balanceleine
Diese Leinenführung eignet sich für eine Trainingssituation genauso gut wie für den Einsatz „im richtigen Leben“ – überall dort, wo ich meinen Hund neben mir haben möchte, auf all den kleinen Wegen z.B. von der Haustür zum Auto und zurück, in der Fußgängerzone oder bei der Bewältigung schwieriger Situationen.
Führen über zwei Punkte
Sam wird nur am Halsband geführt und macht auf mich den Eindruck eines zappelnden Fisches am Angelhaken. Auch am Geschirr, nur an einem Punkt befestigt, lässt sich kaum eine Richtungsinformation an ihn heranbringen.
Das Führen über zwei Punkte erinnert mich sehr an ein Tanzpaar. Der geführte Partner benötigt richtungsweisende Signale, die früh genug und sehr klar kommen müssen. Der führende Partner benutzt seine Körpersprache, aber auch beide Hände, die abstoppen oder sanft in eine Richtung ziehend und drückend eingesetzt werden.
Verschiedene Möglichkeiten der Leinenhandhabung
Ich möchte, dass Sam und seine Besitzerin diesmal im Geräteparcours erfolgreicher miteinander sind. Sam erhält ein Step-in-Geschirr, das in Widerristhöhe geschlossen wird und dessen Leinenring sich genau über dem Verschluss, also weit vorne befindet. Ein weiter nach hinten gesetzter Ring, wie er z.B. beim gängigen H-Geschirr üblich ist, begünstigt das Ziehen und lässt wenig Richtungsinformation zu. Wir klinken einen Karabiner der Leine am Geschirr ein, den zweiten am Halsband und Sam kann nun über zwei Punkte am Körper angesprochen werden. Schon nach einem Gang durch das Labyrinth kehrt Ruhe in seinen hektischen Körper ein, er beginnt zuzuhören.
Den gleichen Effekt erreichen wir, wenn wir Geschirr oder Halsband mit einem Kopfhalfter kombinieren.
Abb. Varianten Zweipunkte-Führung
Abb. Tiber in Halti auf Steinhaufen oder ein anderes Foto mit Halti
Wir bereiten die Hunde und ihre Besitzer sorgsam auf den Einsatz eines Kopfhalfters vor, denn die Signale am Kopf werden sehr sanft und nie ziehend oder strafend eingesetzt. Im Kopfhalfter wird grundsätzlich immer in der Doppelleine geführt!
Wenn wir uns in der Trainingssituation auch im Bereich der Lendenwirbelsäule des Hundes einen Ansprechpunkt wünschen, legen wir ein Balancegeschirr an, das aus einem Seil geknüpft wird. Einen ähnlichen Effekt erzielen wir mit einer zusätzlichen Leine, die in den seitlichen Ringen des Step-in-Geschirres eingeklinkt wird und gekreuzt nach hinten geführt wird.
In allen Führtechniken arbeiten wir mit dem weichen Annehmen, dem Verstärken und vollständigen Nachgeben der Leinen.
Abb. Fanny im Balancegeschirr
Abb. Rosi im Koffer
Die Heimkehr der Brieftaube
In der Brieftaube wird der Hund zwischen zwei Personen geführt. Wir benutzen diese Position sehr gerne in der Hundearbeit. Aggressive Hunde lassen sich von beiden Seiten absichern, unsichere Hunde erhalten einen Rahmen und eine klare Führung mit genügend Freiraum, um für sich alleine bestehen zu lernen. Unruhige, hektische Hunde finden „ihre Mitte“, menschenscheue Hunde lernen, sich neben einem fremden Menschen zu bewegen in dem Abstand, der für sie akzeptabel ist. Die Position der Menschen ist deutlich am Kopf oder sogar vor dem Kopf des Hundes ohne den Hund durch zuviel Nähe von zwei Seiten zu bedrängen.
Abb. Brieftaube
Auch für uns Menschen bringt diese Führung Vorteile, den wir müssen uns miteinander absprechen. Dadurch werden Wege und Aktionen im Vorfeld so bewusst, dass wir sehr klar mit dem Einsatz unserer Signale werden.
Wir können alle Kombinationen der Leinenführung in der Brieftaube einsetzen. Ich benutze sie auch sehr gerne zur Vorbereitung auf die Kopfhalfterführung bei stürmisch vorwärts drängenden Hunden. Weil die zweite Person mittels Balanceleine die entsprechenden Signale gibt, können die Signale am Kopfhalfter sanft und achtsam eingeführt werden ohne dass es für den Hund zu unangenehmen Einwirkungen kommt.
Für Sam bringt die Brieftaube sofort einige Verbesserungen hinsichtlich seiner Balance. Es gelingt ihm auf Anhieb, gerade durch die Leiter zu gehen, seine Biegsamkeit in den Wendungen nimmt zu und er ist konzentrierter. Sam vergisst für einen recht langen Zeitraum, dass er in solchen Situationen normalerweise die Leine im Maul hat. Er scheint eine Vielzahl von neuen Informationen über seinen Körper zu erhalten.
Als nächsten Schritt gilt es dann, diese Informationen so zu verinnerlichen, dass sie auch ohne zwei Führer und Equipment für ihn präsent sind. Bis dahin werden wir ihn sicher noch ein paar Mal darum bitten, sich zu beruhigen und zu spüren.
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